Joseph Victor von Scheffel
Joseph Victor von Scheffel (1826–1886): Namensgeber des Scheffel-Preises und einer der meistgelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts.
Joseph Victor von Scheffel, zu dessen Gedenken der Preis ins Leben gerufen wurde, stand in seiner Jugend an einem Scheideweg. Zu einem der berühmtesten und meist gelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts wurde er auf Umwegen. Vom Abitur als Stufenbester führte ihn sein Weg erst über ein abgeschlossenes Jurastudium, das er auf den Wunsch seines Vaters begann, über ein Praktikum als Rechtsreferendar und einen erfolglosen Versuch, Maler zu werden letztendlich zum Schreiben. Das Versepos Der Trompeter von Säckingen (1853) und der historische Roman Ekkehard (1855) wurden Bestseller und machten Scheffel neben Goethe, Schiller und Heine zu einem der wichtigsten Autoren seiner Zeit.
Joseph Victor von Scheffel wurde am 16. Februar 1826 in Karlsruhe geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in der Residenzstadt. Durch seine Mutter Josephine (geb. Krederer, 1805–1865), die selbst Gedichte und kleine Dramen verfasste, wurde er früh mit bedeutenden zeitgenössischen Künstler*innen bekannt, unter ihnen Moritz von Schwind (1804–1871), der von 1840 bis 1844 in der Stadt lebte und arbeitete und in dieser Zeit acht Rundmedaillons für den Sitzungssaal des Karlsruher Ständehauses fertigte sowie das Treppenhaus und die Erdgeschoss-Säle der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit Fresken schmückte.
Auch Joseph Victor von Scheffel betätigte sich seit seiner Jugend zeichnerisch. Seine bevorzugten Motive waren Landschaftsausschnitte mit charakteristischen historischen Bauten. Die handwerklichen Techniken des genauen Zeichnens bekam der Schüler durch seinen Vater, den Ingenieur Philipp Jakob Scheffel (1789–1869) vermittelt, der Mitglied der Kommission für die Regulierung des Rheins von Basel bis Mannheim unter Johann Gottfried Tulla (1770–1828) gewesen war.

Studium und Revolutionsjahre
Zwischen 1843 und 1847 studierte Scheffel Jura, Philosophie und Kunstgeschichte in München, Heidelberg und Berlin. 1848 war er Sekretär des Verfassungsrechtlers und Parlamentariers Karl Theodor Welcker (1790–1869) in der Frankfurter Nationalversammlung, deren politische Debatten er kritisch kommentierte. Im Juli 1848 begleitete er den „Reichskommissar“ Welcker auf seiner Reise nach Lauenburg, um im Streit um Schleswig-Holstein zu vermitteln. Ein Jahr später wurde Scheffel mit einer Arbeit „Über die Natur und Bedeutung des Surrogats nach römischem und französischem Recht“ zum Dr. jur. promoviert. Die Niederschlagung der Revolution in Baden kommentierte er bitter: „Der politische Bankerott von Deutschland zehrt an mir, der Staatsdienst in seiner gegenwärtigen Bedeutung ekelt mich an; für die Kunst bin ich zu alt, von der Wissenschaft halte ich nicht mehr viel.“
Vom Juristen zum Dichter
1851 arbeitete Scheffel als Rechtspraktikant in Säckingen, 1852 im Sekretariat des Hofgerichts zu Bruchsal. Im Mai 1852 jedoch zog der junge Jurist nach Rom, um Künstler zu werden. Dort wurde ihm bewusst, dass er nicht zur Malerei, sondern zur Dichtkunst berufen sei. „In dem prächtigen Sommer im Albanergebirge ist mir ganz unbewusst eine poetische Ader aufgegangen.“ Dennoch hat sich ein ca. 300 Blätter umfassendes zeichnerisches Werk erhalten, das vornehmlich aus den vielfältigen Reiseimpressionen hervorgegangen ist.
Im Winter 1853 schrieb er auf Capri, begleitet zeitweilig von dem Dichter Paul Heyse (1830–1914), sein dichterisches Erstlingswerk „Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein“, das 1854 in Stuttgart veröffentlicht wurde. 1855 unternahm Scheffel in Begleitung des Malers Anselm Feuerbach (1829–1880) eine weitere Italienreise; im gleichen Jahr erschien der historische Roman „Ekkehard“, der stilprägend für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts werden sollte: „Es war vor tausend Jahren. Die Welt wusste weder von Schießpulver noch von Buchdruckerkunst“, so beginnt das erste Kapitel der „Gedichte aus dem 10. Jahrhundert“.
Bibliothekar und Familie
Scheffel war Bibliothekar der Fürstlichen Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen. Dort erarbeitete er das Inventar der „Handschriften altdeutscher Dichtungen“, zu denen auch die „Nibelungenhandschrift“ gehörte. Nach verschiedenen Reisen in Italien und Frankreich ließ sich Scheffel in Karlsruhe nieder. Hier heiratete er Karoline von Malzen (1833–1904), die Tochter des bayerischen Gesandten am Badischen Hof. Am 20. Mai 1867 wurde der Sohn Victor geboren, den Scheffel nach der Trennung von seiner Frau allein erzog.

Der gefeierte „Dichterfürst“
Am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Scheffel zu den populärsten und erfolgreichsten Schriftstellern seiner Generation. Seine Romane und die bei Studenten populäre Liedersammlung „Gaudeamus“ erlebten bis zur Jahrhundertwende Hunderte von Auflagen, die Scheffel zum bekanntesten „Bestsellerautor“ seiner Generation werden ließen.
Scheffel, der seit 1862 eng mit dem Historienmaler Anton von Werner (1843–1915) befreundet war, inszenierte sich in seinen letzten Lebensjahren in der von dem Baumeister Joseph Durm (1837–1919), dem Architekten des Karlsruher Prinz-Max-Palais, erbauten Villa „Seehalde“ auf der Mettnau am Bodensee als „Dichterfürst“ – innerlich jedoch war er resigniert und weltflüchtig. In seinen Briefen und Tagebüchern kommentierte er kritisch die ungehemmte Industrialisierung und die beschleunigte Modernisierung Deutschlands nach der Reichsgründung, die durch die Monumentalgemälde Anton von Werners ihre künstlerische Verherrlichung fand. Dazu konträr steht das Beispiel des Dichters: „Man schaue sich heute wieder seine Reisebriefe an“, hatte schon Carl Zuckmayer angemerkt, denn sie enthalten den Entwurf einer kulturhistorischen Topographie des Oberrheins.

Scheffelkult und Ehrungen
In der Abwehr der ungehemmten Modernität während der Gründerzeit liegt eine Erklärung des Erfolges von Joseph Victor von Scheffel. In den Jahren vor der Reichseinigung 1871 entwickelte sich ein regelrechter „Scheffelkult“, der zu seinem 50. Geburtstag einen nationalen Höhepunkt erreichte: Er wurde Ehrenbürger von Karlsruhe, Heidelberg, Säckingen und Radolfzell. Bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts errichtete man ihm zu Ehren in ganz Deutschland Denkmäler, darunter in Heidelberg, Karlsruhe und Säckingen; am Bodensee plante man ein großes Nationaldenkmal, man benannte Plätze und Straßen nach ihm. Der badische Großherzog erhob ihn 1876 in den erblichen Adelsstand.
Joseph Victor von Scheffel starb am 9. April 1886 in Karlsruhe.

